Dieter Adam's 'Krautdance'
...interview ĂŒber 'Hey Sauerkraut (und kalte Schulzenbrau)'
Interviewer: Ihre beiden neuen Tracks, âHey Sauerkrautâ und âZufĂ€lliger SchĂŒtzling (Death in June Cover)â, scheinen ganz bewusst zwischen Klamauk und Ernsthaftigkeit zu pendeln. Ist das ein Spannungsfeld, das Sie bewusst ausloten?
Dieter Adam: Absolut. In der deutschen Musiklandschaft fehlt mir oft genau diese Balance. Entweder wird alles todernst prĂ€sentiert, so als dĂŒrfe man bloĂ nicht aus der Reihe tanzen, oder es gerĂ€t in einen platten Witz ab, ohne jeden Tiefgang. Ich versuche, diese beiden Pole zusammenzubringen. Das Absurde und das Ernste, der scharfe Kommentar und das verschmitzte Zwinkern â all das darf durchaus in ein und demselben StĂŒck existieren. Ich will damit zeigen, dass wir in Deutschland auch anders können, dass wir uns nicht stĂ€ndig in einen einseitigen kĂŒnstlerischen Tunnel begeben mĂŒssen.
Interviewer: Ihr âSauerkrautâ-Song (âich hab ne stau im flautâ) klingt nach einer Art vermischtem, ver-âverhollĂ€ndischtemâ Deutsch. Ist das ein Resultat Ihrer Zusammenarbeit mit einem niederlĂ€ndischen Dichter? Warum diese Kooperation?
Dieter Adam: Ja, genau. Die Zusammenarbeit mit diesem verrĂŒckt-genialen hollĂ€ndischen Dichter hat meinen Blick auf die Sprache und den Ausdruck völlig verĂ€ndert. Er hat mir gezeigt, dass man eine Textidee von der Seite anstechen kann, von der man es am wenigsten erwartet. Als ich die Zeilen schrieb, erinnerte mich dieses seltsame Durcheinander aus Sprachen und Bildern an eine Phase in meinem Leben, in der ich â sagen wir, âunter dem Einfluss gewisser Substanzenâ â mit ziemlich banalen, aber seltsam berĂŒhrenden Problemen konfrontiert war. Zum Beispiel das schier unendliche Warten, bis man endlich urinieren konnte. Dieses GefĂŒhl, festzustecken und nicht rauszukönnen, obwohl man es so nötig hat, hat mich damals irgendwie in eine tiefere, fast tragische GefĂŒhlslage versetzt. Und als der HollĂ€nder dann mit seinem eigenwilligen Sprachmischmasch kam, fĂŒhlte ich mich sofort verstanden. Diese absurde VerknĂŒpfung von Körperlichem, Sprachlichem und Emotionalem ist etwas, was ich als extrem befreiend empfinde.
Interviewer: Sie sind bekennend schwul und gleichzeitig, wie Sie betonen, unverkennbar deutsch. LĂ€sst sich das gut miteinander vereinbaren?
Dieter Adam: Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der Scham immer weniger Platz haben sollte â ob es nun um SexualitĂ€t geht oder um nationale IdentitĂ€t. Lange Zeit wurde meiner Generation eingeredet, sich fĂŒr ihre deutsche Herkunft irgendwie schĂ€men zu mĂŒssen, so als sei da ein Makel, ein nicht abwaschbarer Fleck. Aber genau das ist es doch, was uns von innen zerfrisst: die stĂ€ndige, oft unartikulierte Scham. Genauso wie ich irgendwann den Mut gefunden habe, offen schwul zu leben, möchte ich jetzt auch offen deutsch sein können, ohne stĂ€ndig vorbelastete Geschichten mitschleppen zu mĂŒssen. Es ist wie ein doppeltes Coming-out: eines aus dem dunklen Schrank der SexualitĂ€t und eines aus dem Keller der Historie. Beides bedeutet, Grenzen neu auszutarieren. Man muss vorsichtig sein, nicht in billigen Nationalstolz oder arrogante SelbstĂŒberhöhung zu verfallen, genauso wie man nicht ins Klischee vom schrillen Schwulen abrutschen sollte. Diese feine Grenze ist politisch und philosophisch, sie ist aber auch zutiefst persönlich. Das Ausbalancieren ist harte Arbeit, aber es lohnt sich, denn nur so entsteht Raum fĂŒr ein authentisches, befreites Leben.
Interviewer: Was fĂŒr Musik möchten Sie zukĂŒnftig machen? Warum planen Sie fĂŒr 2025 sowohl eine Solodance-Platte als auch eine New Wave / Neue Welle Platte mit The Stoss?
Dieter Adam: Ich glaube, wir brauchen alle ab und an einen Ausbruch aus dem Dunkel. Die Welt ist kompliziert, chaotisch, manchmal bitter â das wissen wir alle. Doch sie ist eben nicht nur dĂŒster. Ich will mit meiner Musik zeigen, dass aus Zwiespalt auch Energie, aus Schwere auch Leichtigkeit erwachsen kann. Deswegen einerseits eine Soloplatte, die in den Rausch des Tanzens fĂŒhrt, die Körper und Seele gleichzeitig durchschĂŒttelt und befreit. Andererseits die Zusammenarbeit mit The Stoss, bei der wir versuchen, den Geist der New Wave neu zu erfinden, diese Mischung aus Melancholie, scharfen Rhythmen und kĂŒhler Eleganz. âSauerkraut und SchulzenbrĂ€uâ â das sind nicht nur schrĂ€ge Bilder, das ist mein Versuch, die ernste deutsche MentalitĂ€t mit einer gewissen Leichtigkeit zu benetzen, um dann, wenn der Beat einsetzt, alles einmal grĂŒndlich durchzuschĂŒtteln. 2025 soll ein Jahr sein, in dem man gleichzeitig tanzen und denken darf, in dem der Bass unter die Haut geht, ohne dass man das Hirn an der Garderobe abgeben muss.
Interviewer: Sie haben kĂŒrzlich den Begriff âKrautdanceâ ins Spiel gebracht. Können Sie erklĂ€ren, was dahintersteckt? Warum soll es Krautrock geben, aber keinen Krautdance?
Dieter Adam: Sehen Sie, Krautrock hat lĂ€ngst seinen Platz in der Musikgeschichte gefunden: der mutige, improvisatorische Sound, geboren in den spĂ€ten Sechzigern, verschmolz Avantgarde mit Rock und Elektronik. Aber warum dort stehenbleiben? Warum diesen kosmischen Pflanzendschungel, aus dem so viel entstanden ist, nicht in die Beine verlagern und den Körper tanzen lassen? Ich will die verstaubte Idee, dass Kraut nur in zĂ€hem, psychedelischem Ausloten von KlangrĂ€umen existieren darf, aufbrechen und sie in eine neue, pulsierende Körperlichkeit ĂŒberfĂŒhren. Krautdance ist fĂŒr mich eine Art âbotanische Alchemieâ: Wir nehmen das Kraut â ein Sammelsurium an Erinnerungen, Traditionen, TrĂ€umen und VerrĂŒcktheiten â und ziehen es durch den Filter der TanzflĂ€che. So entstehen Rhythmen, die keine nationalen Eintöpfe mehr sind, sondern hochprozentige Elixiere, in denen Achtzigerjahre-Rave, Berliner Kellerclubs und die Erinnerung an verklĂ€rte LandhauskĂŒchen zu einem brodelnden Sud verschmelzen. Ich sehe mich selbst als Krautdancemeister, als GĂ€rtner einer neuen Klangbiologie, in der die Wurzeln so tief gehen, dass sie den Boden perforieren, um an neuen Stellen hervorzubrechen. Da ist nichts linear, nichts logisch â es ist ein wilder, schlingernder Tanz durch unser kollektives Unterbewusstsein, bei dem das Kraut zugleich Heilpflanze, Rauschmittel, Peitsche und Balsam ist. Wenn Krautrock einst den Geist erweitert hat, dann soll Krautdance den Körper befreien, bis er zu einer wippenden, lachenden, schweiĂenden und doch sinnenden Gestalt wird, die nicht fragt, was gestern war, sondern nur tanzt, als ob es kein Morgen gĂ€be.
Interviewer: Und abschlieĂend, Dieter: Wenn Sie Ihre kĂŒnstlerische Entwicklung und die gesellschaftlichen Verwerfungen um uns herum betrachten â wo sehen Sie sich selbst und Ihre Musik in zehn Jahren, und welche Rolle spielt dabei das, was wir gemeinhin âdeutsche IdentitĂ€tâ nennen?
Dieter Adam: Wissen Sie, die Frage nach der IdentitĂ€t ist wie eine Schicht von Gestein, die unter stĂ€ndigem Druck neu geformt wird. Deutschland, Europa, ja die ganze Welt ist in einem unablĂ€ssigen Prozess der Verwandlung begriffen. Wir verschieben Grenzen â nicht nur politische, sondern auch innere, kulturelle, Ă€sthetische. In zehn Jahren, so hoffe ich, werde ich an einem Punkt sein, an dem meine Musik nicht mehr als deutsch oder europĂ€isch gelesen werden muss, sondern als etwas, das aus einem vielschichtigen Dialog mit der Welt entstanden ist. Eine Musik, die weder ihren historischen Ballast ignoriert noch davor erstarrt, sondern ihn verwandelt, transformiert, weiterspinnt.
Das âDeutscheâ wird dann nicht mehr diese starre Kategorie sein, sondern ein lebendiges Gewebe, durchwirkt von EinflĂŒssen, Schichten, BrĂŒchen und Narben. Und genau diese KomplexitĂ€t ist es, die ich in meiner Kunst suchen werde: den Ort, an dem Wurzeln und FlĂŒgel einander nicht widersprechen, sondern ergĂ€nzen. Wenn wir begreifen, dass IdentitĂ€t nichts Statisches, sondern ein bestĂ€ndiges Werden ist, können wir vielleicht endlich aus der Angst vor VerĂ€nderung heraustreten. Meine Musik soll in zehn Jahren ein Echo dieses inneren Wachstums sein â kein Manifest, sondern ein dialogisches GesprĂ€ch, das niemals endet.



